Armutszeugnis
"Im Gegensatz zu den Aussagen in Nachhaltigkeits- broschüren der Forstwirtschaft wird heute im deutschen Forst so stark geholzt wie selten zuvor. Sogar in Wäldern, die als Nationales Naturerbe gesichert werden sollen, wird schnell noch Kasse gemacht."
László Maráz - Forum Umwelt und Entwicklung
Ein guter Gastgeber für die Biologische Vielfalt?
Forum Umwelt und Entwicklung - Rundbrief 1/2008
Armutszeugnis für die deutsche Forstwirtschaft
Wieder einmal wird die Welt zu Gast bei Freunden weilen, wenn im Mai fünftausend Delegierte und Beobachter aus aller Welt nach Deutschland kommen. Man hat sich als Gastgeber von Großereignissen einen Namen gemacht und wird sich bei der 9. UN-Vertragsstaatenkonferenz der CBD als Vorreiter in Sachen Schutz der Biologischen Vielfalt präsentieren.
Auch in Forstkreisen ist man auf das Ereignis vorbereitet. So wirbt der Holzabsatzfonds seit Monaten im Rahmen einer Medienkampagne mit der Nachhaltigkeit, die demnach einst in Deutschland erfunden wurde. Vor allem die sogenannte "multifunktionale Forstwirtschaft" soll im internationalen Vergleich als vorbildlich dargestellt werden. Denn bei der Waldpflege werde nur soviel Holz genutzt, wie nachwächst, und im Kielwasser der Holzernte würden alle anderen Waldfunktionen gesichert. Der Wald könne weiterhin der Erholung, dem Wasser- und Lärmschutz dienen und auch die Biologische Vielfalt in Deutschlands Wäldern sei nichts anderes als das Ergebnis jahrhundertelanger, nachhaltiger Waldbewirtschaftung.
Das Anspruchsdenken gipfelt in der Aussage: "Holznutzung ist Waldpflege. Ohne sie würde die Artenvielfalt unserer Wälder rapide abnehmen, da sich automatisch die konkurrenzstärkste Baumart durchsetzen würde." Mit derartigen Fehlinformationen führt man die Öffentlichkeit gezielt in die Irre, um die intensive Holznutzung unbehelligt von Ansprüchen der Gesellschaft an den Naturschutz fortsetzen zu können.
Richtig ist, dass die Artenvielfalt unserer einstigen Naturwälder um ein Vielfaches größer war, als dies in Wirtschaftswäldern möglich ist. Durch die intensive Forstwirtschaft ist ein guter Teil der bei uns natürlich vorkommenden Arten verdrängt und fast ausgerottet worden. So kommen viele holzbewohnende Pilz- und Käferarten nur noch in Naturwaldreservaten, Nationalparken und auf einzelnen, uralten Parkbäumen vor. Denn gerade die Alters- und Zerfallsphasen sind es, in denen viele der bedrohten Tier- und Pilzarten unserer Wälder ihren Lebensraum finden.
Forstwirtschaft - schlechter Gastgeber für die Biodiversität
Von der ökologischen Nachhaltigkeit ist man hierzulande weit entfernt, denn der Schutz der Biodiversität ist ohne den Schutz alter Bäume und alter Wälder nicht möglich. Gerade hier hat die deutsche Forstwirtschaft versagt und darum ist sie ein denkbar schlechter Gastgeber für die Biodiversität. In Deutschland sind nur wenige Wälder frei vom Holzeinschlag und nur einzelne Bäume dürfen so alt werden, dass sie als Lebensraum für die vielen Tier- und Pilzarten dienen können, die von Natur aus Teil unserer Wälder sind. Ein Armutszeugnis für die deutsche Waldpolitik ist, dass unsere heimischen Buchenwälder, die von Natur aus drei Viertel der deutschen Wälder ausmachen würden, inzwischen zu den weltweit am stärksten bedrohten Waldökosystemen zählen. Sie sind damit noch stärker bedroht als die tropischen Regenwälder.
Lange Zeit klagte die Forstwirtschaft über schlechte Holzpreise. Stets hieß es, man könne sich den Naturschutz nicht leisten. Doch die gestiegenen Holzpreise verleiten dazu, ordentlich Kasse zu machen. Besonders stark genutzt werden alte Bäume, und hier vor allem die Rotbuchen, die auch im Ausland seit Jahren sehr gefragt sind. Und weil mit steigenden Energiepreisen die Nachfrage nach Brennholz wächst, machen viele Waldbesitzer auch vor der Nutzung des Ast- und Kronenholzes nicht Halt. Sogar viele Horst- und Höhlenbäume müssen nun als Nachschub für Heizkraftwerke und Hunderttausende von Holzfeuerungen dienen. Vergessen werden dabei einfachste waldbauliche Grundsätze, zum Beispiel, die nährstoffreichen Äste und Zweige im Wald zu lassen, um die Waldböden zu düngen und das Bodenleben zu fördern.
Waldschützern, die den Schutz von Altbäumen oder gar die Ausweisung von Schutzgebieten im Wald fordern, wird heute gesagt, das Brennholz würde dringend gebraucht um dem Klimawandel entgegenzuwirken. Das Paradoxe ist, dass mit der Begründung, das Klima schützen zu wollen, genau das Gegenteil erreicht wird. Werden zu viele Bäume gefällt, wird im Wald weniger CO2 gespeichert, und mehr CO2 freigesetzt. Natürliche Wälder unserer Breiten enthalten mehr als doppelt so große Holzvorräte wie heute die deutschen Durchschnittswälder.
Mehr Schutzgebiete nötig
Um die Biologische Vielfalt in Deutschlands Wäldern zu fördern und zu erhalten, müssen wir uns zu unserer Verantwortung für den Schutz der europäischen Laubwälder als Teil eines globalen Netzwerkes bekennen. Dazu müssen kurzfristig auf fünf Prozent der Waldfläche die wenigen großflächigen Laubwaldgebiete als Großschutzgebiete ausgewiesen werden, damit sie sich zu den "Urwäldern von morgen" entwickeln können.
Von diesem Ziel sind wir aber noch meilenweit entfernt, denn bis heute sind weniger als ein Prozent der Waldfläche geschützt und frei von forstlichen Eingriffen. Auch im Wirtschaftswald dürfen nur wenige Bäume älter werden als 200 Jahre, obwohl das natürliche Lebensalter etwa von Buchen über 400 Jahre beträgt. Bei der Rotbuche kommt es aber genau auf die alten, über 200-jährigen Bäume an. Erst in diesem Alter beginnt der langsame Verfall, in dessen Folge sich Holzpilze und holzbewohnende Käferarten ansiedeln können. In einem "sauber" gepflegten Wald fehlt ein wichtiger Teil unserer Biodiversität!
In Forstkreisen hält man wenig von der Forderung nach mehr Schutzgebieten. Handlungsbedarf sehe man nicht, zumal ja ohnehin alles zum Besten stünde. In der Werbebroschüre des Holzabsatzfonds liest sich das so: "Hätten Sie gewusst ... dass keine Landnutzungsform die heimische Natur besser schützt als die nachhaltige, naturnahe Forstwirtschaft?"
Tatsache ist aber, dass die Landnutzungsform mit der weitaus besten Schutzwirkung für die Natur sich selbst überlassene Schutzgebiete sind, während die Forstwirtschaft (nach der Landwirtschaft) als zweitwichtigste Ursache der Bedrohung der Artenvielfalt gilt.
Rotbuchen-Waldgesellschaften zählen zu den weltweit am stärksten bedrohten Ökosystemen, obwohl Deutschland einst etwa ein Viertel dieser Ökosysteme beherbergte. Buchenwälder finden wir nur noch auf 4,3 Prozent der Landesfläche, obwohl sie früher etwa drei Viertel des Landes bedeckten.
70 Prozent unserer Wälder und Forsten sind krank
Doch um unsere Wälder sieht es schlimm aus, denn nach den Aussagen des letzten Waldzustandsberichtes der Bundesregierung sind fast drei Viertel der deutschen Wälder vor allem durch Luftschadstoffe sichtbar geschädigt. 85 Prozent der Buchen und Eichen sind krank! Diese beiden Baumarten aber sind es, die von Natur aus den größten Teil unserer natürlichen Waldökosysteme prägen würden. Solche Nachrichten hört man in manchen Landesforstministerien nicht gerne. Und auch in der Medienkampagne des Holzabsatzfonds wird das Problem kleingeredet. "Abgestorben sind in der Regel nicht ganze Wälder, sondern vor allem ältere Bäume der Baumarten Fichte, Tanne und Kiefer." Als "ältere" Bäumen gelten in diesem Sinne bereits Fichten, Tannen und Kiefern ab einem Alter von etwa 80 Jahren, während das natürliche Lebensalter dieser Baumarten bei weit über 400 Jahren liegt. Sie sterben somit bereits im Jugendalter. Dasselbe Schicksal ereilt auch unsere Buchen und Eichen.
Alte Bäume werden zu Geld gemacht
Im Gegensatz zu den Aussagen in Nachhaltigkeitsbroschüren der Forstwirtschaft wird heute im deutschen Forst so stark geholzt wie selten zuvor. Sogar in Wäldern, die als Nationales Naturerbe gesichert werden sollen, wird schnell noch Kasse gemacht. Beispiele gefällig?
Schleswig-Holstein, zum Jahreswechsel 2007/2008: Die Wentorfer/Wohltorfer Lohe, ein ehemaliges Truppenübungsgelände, steht in der Nachrückerliste für das Programm Nationales Naturerbe. Dieses sieht die Übertragung bundeseigener Flächen in Länderbesitz zu Händen der Naturschutzstiftungen vor. Eine Übergabe würde den Status als Naherholungsgebiet auf Dauer sicherstellen, ein Zeitpunkt ist allerdings noch nicht festgelegt. So kamen die Bundesforsten auf die Idee, die alten Bäume vor der Übergabe noch zu Geld zu machen. Alte Buchen und Eichen wurden gefällt, alle Proteste waren vergeblich. Dabei ergaben Recherchen beim Bundesamt für Naturschutz, dass die Fällaktion nicht rechtens war, weil nach einem Abkommen zwischen Naturschutzamt und der Bundes-Vermögensabteilung eine Entwertung der zukünftigen Naturerbe-Flächen durch kommerziellen Holzeinschlag ausgeschlossen wird. Die Bundesbehörde verfügte nach der Inkenntnissetzung durch den Naturschutzwart einen Stopp der Baumfällung. Versprochen wurde, nur noch "verkehrsgefährdende" Bäume zu beseitigen. Die Forstbehörde versicherte zwar, es würde nur eine Pflegemaßnahme stattfinden, um Spaziergänger vor herabfallenden Ästen zu schützen. Doch stattdessen holzte man auch gesunde Bäume ab, insgesamt 1.000 Festmeter.[1]
Thüringen, Naturpark Kyffhäuser Wald: Mitten im Naturschutzgroßprojekt Kyffhäuser werden seit Monaten Kahlschläge in alten Buchenwäldern durchgeführt. Auch hier dient die Verkehrssicherung als Ausrede für den massiven Holzeinschlag. Doch wie Fotos belegen, werden nicht nur Bäume unmittelbar am Straßenrand gefällt. Sowohl am Hang über der Straße, als auch unterhalb der Straße wurden großflächige Waldbestände abgeholzt.[2]
Überall in Deutschland versuchen Bürgerinitiativen und Waldbündnisse, den Stopp solcher Fällarbeiten zu verhindern. In Bayern protestiert der Bund Naturschutz gegen Kahlschläge in FFH-Gebieten, in Baden-Württemberg engagiert sich der BUND-Landesverband für den Schutz der alten Laubwälder und in anderen Bundesländern wie in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Thüringen gibt es, wie in den geschilderten Fällen, Proteste.
Deutschland muss wohl noch eine Weile nachsitzen, wenn es die unerledigten Hausaufgaben in punkto Sicherung der Biologischen Vielfalt endlich nachholen will. Visionen, Strategiepapiere und nicht einmal die Nationale Biodiversitätsstrategie werden dazu ausreichen. Die Ausweisung von Schutzgebieten wie zum Beispiel der Buchenwälder des Nördlichen Steigerwaldes, für den sich ein breites Aktionsbündnis um den Bund Naturschutz in Bayern engagiert, wäre ein erster Schritt, ein Beweis dafür, wie ernst die Bundesregierung den Schutz der Biodiversität nimmt. Besonders peinlich aber wird es für den Gastgeber werden, wenn die 5.000 Gäste der COP 9 Kenntnis über die Missstände in Deutschlands Forstwirtschaft erhalten. Dafür werden wir allerdings sorgen!
László Maráz
Der Autor ist Koordinator der AG Wald[3] im Forum Umwelt und Entwicklung.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung!
Anmerkungen und Links
- [1] Fotos und Berichte dazu unter: http://www.bilderblog.org/2008/02/11/
- [2] Infos und Fotos unter: http://www.kyffhaeuserwald.de
- [3] http://www.forumue.de/41.html



