Seidelplatz
Wunschbaum
Der pflegeleichte Wunschbaum der Jenaer "Baumpflege-Experten" besteht nur noch aus dem Stamm ...
BESCHNEIDUNGSWAHN IN JENA
Offener Brief Februar 2008
Die romantischen Dichter Jenas haben sie besungen: die alten Bäume der Stadt, die ausladenden Kronen, rauschenden Wipfel und wispernden Blätter. Derzeit dürften sie sich allerdings im Grabe herumdrehen, denn alljährlich zweimal grassiert nun zum beginnenden Frühjahr wieder der ultimative Beschneidungswahn. Der Wunschbaum der städtischen "Baumpflege-Experten" Jenas kann dabei in einem einzigen Satz beschrieben werden: Er besteht nur noch aus dem Stamm!
Wer schon bei der Radikalvariante am Paradiesbahnhof und (nun erneut) in der Kahlaischen Straße nur noch mit dem Kopf schütteln konnte, wird nun am Seidelplatz regelrecht entsetzt sein.
Noch vor zehn Jahren wäre jeder Lehrling in Baumpflegeberufen sang- und klanglos durch alle Prüfungen gefallen, hätte er behauptet, die fachgerechte Pflege einer Pappel bestünde darin, sie einfach in der Hälfte des gesamten Baums zu kappen oder sämtliche Laubbäume wären wie Kopfweiden zu behandeln. Nun scheint auf einmal dieser unverständliche Motorsägenfetischismus die einzige Methode der Wahl zu sein. Naturliebhabenden Bürgern krampft sich das Herz im Leibe zusammen, wenn sie die Ergebnisse dieser Roßkur wahrnehmen. Die Kompetenz und Fantasie städtischer Baumpfleger gleicht einem Friseur, der seinen Kunden nur eine einzige Frisur anbieten kann, die Glatze! Und beim Stichwort Glatze muß man sich direkt unwillkürlich fragen, ob der Geist der natürlichen Umgebung des Seidelplatzes jenen Veranstaltungen angepaßt werden soll, die neuerdings dort stattfinden. Es darf stark bezweifelt werden, ob die empfindungslosen Helden der Motorsäge überhaupt gemerkt haben, daß sie gerade dabei sind, ein historisch gewachsenens Emsemble - nämlich die hinführende Allee zur 1928 gebauten "Muskelkirche" - gnadenlos zu verhunzen. Diese fehlende Sensibilität erschreckt umso mehr, als sie nicht nur ästhetische Natürlichkeit ohne Skrupel verwirft, sondern sich um eine kulturvolle, liebevoll gepflegte und angenehme Stadtlandschaft, wie sie Jena als einem geschichtlichen Zentrum des Geistes und der Künste angemessen wäre, einen Teufel schert.
Darüber hinaus scheinen sowohl die beauftragenden Verantwortlichen als auch die Ausführenden nicht den blassesten Schimmer von in ganz Deutschland seit Jahren anerkannten fachlichen Regelwerken wie der "ZTV Baumpflege" zu besitzen, in der die Prinzipien der fachgerechten Begutachtung und eines behutsamen und schonenden Baumbeschnitts aufgeführt sind. Wie ärmlich, daß ich als Laie darauf hinweisen muß, daß derartige Regelwerke "die Kappung von Bäumen", "starken Baumrückschnitt bei erwachsenen Bäumen ohne Notwendigkeit" und "nicht notwendige Starkastschnitte" als "nicht fachgerecht" brandmarken. Die Folgen von solch inkompetentem Vorgehen sind die mangelnde Versorgung des Baumes durch fehlendes Blattwerk, eine erhöhte Anfälligkeit der Bäume gegen Fäulnis und Pilze, Instabilität der Krone durch emporschießende "Ständer" und nicht zuletzt enorme Folgekosten durch erneut notwendig werdende Korrekturmaßnahmen. Vom Verlust der artentypischen Schönheit und eines natürlich gewachsenen Aussehens ganz zu schweigen.
Den geforderten behutsamen Umgang können Bäume in Jena jedoch offenbar nicht erwarten. Dies ist umso bedauerlicher, da der Schutzzweck von Stadtbäumen in der Baumschutzsatzung Jenas im §3 genauestens aufgeführt ist. Vermutlich werden Anfragen und Proteste wieder das unsägliche Gespenst der Verkehrssicherheit auf den Plan rufen, es könnte ja irgendjemandem ein Ast auf den Kopf fallen oder sogar, oh Gott, auf ein Auto. Damit wird dann bekanntlich alles gerechtfertigt, selbst offensichtliche Verstöße gegen das Thüringer Naturschutzgesetz, wie in den letzten zwei Jahren im Saale-Holzland-Kreis zur Genüge zu beobachten war. Leider muß in diesem Zusammenhang auch das Schweigen der Naturschutzverbände und -vereine in Stadt und Kreis verwundern, denn hier dürften doch deutlichere Aktionen des Protests vonnöten sein, um ein Umdenken einzufordern, zumal ein nicht fachgerechter Baumbeschnitt sehr wohl juristisches Einschreiten und Schadenersatzforderungen begründen kann.
In jedem Naturkunde-Lehrbuch der ersten Klasse kann man nachlesen, welch wichtige Funktion reich begrünte Laubbäume für das Mikroklima erfüllen. Und so darf man schon jetzt die Bewohner der Seidelstraße bedauern, denn in den kommenden heißen Sommern werden sie ohne jeden Zweifel unter mehr Staub, mehr Lärm, mehr Hitze und Trockenheit leiden und wütend auf trostlose Baumstümpfe schauen, die nun keinerlei Schutz mehr spenden können und dürfen. Und wer übrigens die dürftige Perspektive solch brutaler Eingriffe studieren möchte, der kann sich einmal die ehemals prächtige Lindenallee zum Bismarck-Turm anschauen, die nun nichts weiter ist als eine traurige Friedhofszeile von verkrüppelten, kranken und toten Bäumen. Schade, daß man in dieser Beziehung offenbar tauben Ohren predigt und schade, daß sich Jenas Bürger das gefallen lassen ...
Dieser Brief ging an:
TLZ Lokalredaktion Jena, OTZ Lokalredaktion Jena, Allgemeiner Anzeiger Jena, Umweltamt Jena, Baumschutzkommission der Stadt Jena
Antwort aus dem Büro des OB Dr. Albrecht Schröter
- antwort_ob.pdf [320 KB]



